Schalenamöben

A.2.1.1   Difflugia


Difflugia capreolata, ca. 260 µm hoch.
(schiefe Beleuchtung)

 

Difflugien [diffluo = fließen] sind die ursprünglichste und artenreichste Diffluginagattung. Es sind meist größere, im Querschnitt runde Organismen mit runder Mundöffnung, die ihre Schale durch eingearbeitete Fremdkörper stabilisieren. Verwendet werden in der Hauptsache kleinste Sandkörner, aber auch leere Kieselalgenschalen.

Auch wenn einige Difflugiaschalen etwas plump geraten scheinen, zeigen sie einen ausgeklügelten Bauplan, Gleich große Quarzkörner werden um die Öffnung angeordnet. Dornen entstehen aus immer kleiner werdenden Körnchen.

Difflugien sind pragmatisch, was die Auswahl der Baumaterialien angeht. Was zur Verfügung steht, wird für die nächste Generation gesammelt. Bei der Größe der eingesammelten Xenosomen sind sie aber erstaunlich selektiv.
Allerdings entstehen beim Bau mit nicht optimalen Materialien manchmal recht skurrile Gebilde, bei denen die arttypische Form kaum noch erkennbar ist.
Bereits das Verhalten bei der Beschaffung von Materialien für die nächste Gehäusegeneration ist erstaunlich, es werden nicht wahllos aus der Umgebung Fremdkörper eingesogen, sondern sinnvoll nur passende Größen ausgewählt und für den späteren Gebrauch im Inneren oder ausserhalb des Pseudostoms (Z. B. D. elegans) gesammelt.

Die Gattung gilt als "overcrowded", ihre Taxonomie verworren. Die mehr als 300 Arten und Unterarten sind unklar. Kleinste Abweichungen führten oft zur Erklärung neuer Arten. Andererseits könnten äußerlich gleiche Exemplare sich bei näherer Sequenzierung als verschiedene Spezies' herausstellen.


Netzelia und Lesquereusia sind nahe verwandte Gattungen. Vermutlich entwickelten sich aus den Difflugien die abgeflachten Formen der Nebela, Heleopera und Hyalosphenia, und in einer anderen Entwicklungslinie die Centropyxis, Bullinaria und andere Formen mit meist halbkugeliger Form und exzentrischem Pseudostom.


Zunächst die zylindrischen, länglichen oder birnen­förmigen Difflugien

der Acuminata/Elegans/Oblonga/Pyriformis-Komplexe
(Mazei and Warren, 2012)


a. Der Acuminata-Komplex

(acuminata lat. zugespitzt)

vermutlich Difflugia acuminata [= zugespitzt]
362 µm hoch.
Vermutlich Difflugia curvicaulis, [= mit gebogenem Stiel] 278 µm.
Mit Diatomeen bedeckte,
208 µm hohe Difflugia vermutlich scalpellum.
Difflugia bacillariarum, schiefe Beleuchtung, 90 µm. Balksee-Randmoor.
D. bacillariarum,
Leeres Gehäuse,
95 µm hoch mit Dorn,
(Kitzbühel, Paradieswiese).

b. Der Elegans-Komplex

(elegans lat. elegant, fein)

Difflugia elegans.
Die Art trägt das Baumaterial für die nächste Gehäusegeneration außerhalb der Mundöffnung.
(Kitzbühel, Paradieswiese)
Difflugia sp., (elegans oder varians?), 113 µm mit den (doppelten) Stacheln.
Difflugia leidyi ca. 103 µm, (Kollbecksmoor)
unter schiefer Beleuchtung (Kreutz-Filter), so erkennt man besser die fast gläsernen Hörnchen. Die Art ist säureliebend.
Ein weiteres Exemplar, im Durchlicht, im Inneren eine Dauerzyste.
Ebenfalls aus dem Kollbecksmoor.
Blick in die Mundöffnung von D. leidyi.

c. Der Oblonga-Komplex

(oblongus lat. länglich)

Difflugia sp., 155 µm hoch.
(Difflugia cf. lanceolata)
Difflugia cf. oblonga [= länglich]
150 µm hoch
Difflugia cf. oblonga
146µm
vermutlich Difflugia cf. lanceolata (=Spieß),
150 µm hoch.
Difflugia cf. lanceolata
150 µm hoch.
Difflugia bacillifera, 167 µm hoch.

Difflugia lanceolata bedecken ihr Gehäuse mit durchscheinenden Quarzpartikeln, die eine für die Gattung untypische, eher glatte, durchscheinende Oberfläche ergeben.
Durch diese Eigenschaft gewähren sie bei Glück einen Einblick in ihr Innenleben, wie das rechte Exemplar zeigt.
Der Plasmakörper füllt das Gehäuse nicht aus, man erahnt Nahrungs- und kontraktile Vakuolen und Reserve-Bauelemente. Der Kern liegt vermutlich hinter der bräunlichen Nahrungs (oder Fäkal-) -vakuole.
 



Die als Vorletzte gezeigte, sehr aktive D. lanceolata auf der Wanderung.

d. Der Pyriformis-Komplex:

(pyrus lat. birne)

Diese mit 313 µm Höhe im Verhältnis riesige Difflugie ist vermutlich D. [cf] pyriformis.
Diese D. pyriformis ist mit 370 µm noch größer.
Dieses Exemplar schleppte mehrere Tage lang große Quarze rund um die Mundöffnung mit sich herum,
(243 µm ohne die Quarze).
Baumaterial für die nächste Generation?
Pseudopodien
Alle obigen Exemplare aus einer Wasserprobe aus dem Balksee-Randmoor.
Größen von 235 bis 370 µm



Ebenfalls zum Pyriformis-Komplex gehört Difflugia capreolata,
links 260 µm, rechts 245 µm,
Artmerkmal ist der kurze kompakte, oft leicht eingeschnürte Flaschenhals.
(zahlreich im feuchten Sphagnum squarrosum im Balksee-Randmoor).
In der Regel enthalten lebende Exemplare des Pyriformis-Komplexes eine großen Anzahl symbiontischer Zoochlorellen, wie diese 254 µm hohe D. capreolata aus dem Balksee-Randmoor. Die Schalen sind dadurch hellgrün
Das Exemplar untersucht die Deckglasunterseite.
(eine Schärfeebene)

Pseudopodien bei schiefer Beleuchtung.


Mehr über die symbiontischen Zoochlorellen im Kapitel „Systematik“.

Und Penard beobachtete: "Oft findet man zwei oder drei größere Quarzstücke am Übergang von Körper zum Hals."


Auf der nächsten Seite die ovalen oder kugelförmigen Difflugia-Arten.