Schalenamöben

1.2.3 Centropyxis

Die Stachelamöben oder Centropyxis [Griechisch kentron=Stachel, puxis=Box] sind für mich die Allerweltspatzen unter den Testaceen. Man findet sie fast in jeder Wasserprobe. Nur sehr saure Moorhabitate meiden sie.

Sie gehören zu den Excentrostoma. Ihre Verstärkung durch Quarzkörner oder Kieselalgen hängt von deren Verfügbarkeit ab. Fehlen diese in der Umwelt der Mutterzelle, bleibt das Tochtergehäuse ohne Armierung.

Mehr als 130 Arten wurden beschrieben, oft wurden wohl für kleine Abweichungen neue Arten benannt - gesplittet. In den meisten Fällen ist die genaue Bestimmung einer Art schwierig, of nicht möglich.

Entsprechend unsicher sind meine Eingruppierungen.




Netzel beschrieb, dass, wie bei Arcella (siehe dort), auch bei Centropyxis die Chitinschale aus thekagenen Granen verstärkt ist. Es entsteht hier aber kein Wabenmuster, sondern eine körnige Oberflächenstruktur.

Quarzkörner oder Diatomeenschalen standen offenbar im untergetauchten Torfmoos nicht zur Verfügung, daher hat dieses 97 µm hohe Exemplar sein Gehäuse nur mit ca. 9 µm großen Euglyphaschalen verstärkt.
Die Schale dieses Exemplars besteht nur aus dem körpereigenen Chitin, ohne verstärkende Xenosomen. (102 µm hoch, 104 µm breit).

Noch nicht gefärbte, nicht mit Xenosomen bedeckte 184 µm große Centropyxis discoides.
Balksee-Randmoor.


Centropyxisarten sind äußerst variabel, Schalengröße, Anzahl und Form der Stacheln sind bei der gleichen Art unterschiedlich. Die Identifizierung der Arten ist daher Spezialistensache. Nach derzeitiger Meinung der Fachleute sollten bis zu einer Klärung die bestachelten Arten C. aculeata und C. discoides, sowie die unbestachelte C. ecornis im Aculeata-Komplex zusammengefasst werden. (Foissner und andere, Lahr und andere 2008)
In manchen Arbeiten gibt es eine weitere Unterscheidung der stacheltragenden Centropyxis: C. spinosa wird beschrieben als flacher, zarter und ohne Xenosomen.


Rechts: Schnitt durch eine Centropyxis aculeata.
Man erkennt die Verstrebungen zwischen Mundöffnung und Gehäusedecke ...
... und in der Seitenansicht die typische Kappenform.
Centropyxis cf. spinosa, 104 µm hoch (ohne Stachel), Mund 33 µm.
C. spinosa werden zum Aculeata-Komplex gerechnet, und unterscheiden sich durch den unregelmäßig gewellten Mundrand und die größere Zahl von Stacheln.
Diese Detailaufnahme des obigen Exemplars bei schiefer Beleuchtung zeigt den von Cash und Ogden beschriebenen unregelmäßigen Pseudostomrand. Überwiegend zeigt sich die granulose Grundstruktur der Schale.
Kleine Centropyxis aus dem Aculeata-Komplex mit ausgestrecktem Pseudopodium.
Der Körper füllt das Gehäuse nicht aus, die dunklen Stellen um die Mundöffnung sind die Füße der Verstrebungen zur Gehäusedecke.
Centropyxen sind scheu und man bekommt die Scheinfüßchen selten zu Gesicht.

Centropyxis aculeata forma duplicata

Diese inzwischen offensichtlich ausgestorbene Unterart wurde zweimal beschrieben:
1897 fand Raoul Francé einige Exemplare im Balaton. Er spekulierte, dass dies eine Art Siamesischer Zwilling sei und nannte es deshalb "Forma duplicata".
Im Jahr 1902 fand Eugène Penard Exemplare im Genfer See.
Die Variation wurde seitdem nicht mehr gesehen, sie ist so auffällig, dass sie bei neuerlichem Auftauchen sicherlich aufgefallen wäre.

Große Centropyxis discoides, 240 µm Durchmesser.
Ibmer Moor.


275 µm große fast stachellose Centropyxis discoides aus dem Ibmer Moor
frisst Algenfäden.


Das gleiche Exemplar schräg von unten.
 


Oben und unten:
Diese Seitenansichten zeigen die Verstrebungen (Brücken) im Inneren der Schale zwischen Ober- und Unterseite. ca. 224 µm.


Die Chitinschale scheint aus kleinsten ovalen, weniger als 1 µm großen Kammern zu bestehen, vergleichbar mit den größeren Strukturen der Arcella-Schalen.

Neue Variation von Centropyxis discoides

Im November 2019 fand ich in einer einige Monate alten Probe aus dem Ibmer Moor zwischen normalgeformten Centropyxis discoides zahlreiche ca 200 µm große Exemplare dieser unbekannten Form, im März gab es noch leere Exemplare (links oben):

So sieht der modifizierte Stachel [?] vergrößert aus.

Skurrile Deformationen sind bei Centropyxis-Arten nicht selten (siehe ganz unten auf dieser Seite), jedoch sind das jeweils einmalige Erscheinungen, vermutlich aufgrund von Stress durch die unnatürliche Umgebung im Probenglas.

In diesem Fall aber scheint durch Mutation ein neuer Genotyp entstanden zu sein, der weiter vererbt wird. Bei der asexuellen Vermehrung der Testaceen und vieler anderer Einzeller entstehen Reihen genetisch identischer Klone. Nach einer Mutation beginnt eine neue Reihe von Klonen mit den mutierten neuen Eigenschaften. Sind die Unterschiede groß genug, kann eine neue Art bzw. Variationen erklärt werden. Bei ersten Untersuchungen der Probe sind mir Centropyxis discoides nicht aufgefallen. Ich nehme an, dass diese Variation erst bei mir entstanden ist. Es handelt sich also vermutlich um eine neue Art bzw. Variation, die wieder aussterben wird, wenn die Wasserprobe unbewohnbar geworden ist.

Ich gebe ihr unauthorisiert und inoffiziell wegen der Apfelform den Namen Centropyxis discoides var. maliformis.


Stachellose Centropyxis-Arten:

Centropyxis ecornis, 178 µm,
Kreidesee Hemmoor.
Centropyxis cf. platystoma.
Armierung durch Quarzkörner (89 µm hoch).
Centropyxis cf. ecornis.
Hier wurden Diatomeenschalen zur Verstärkung eingebaut, 178 µm, Balksee-Moor.
Vermutlich C. aerophila,
52 µm hoch.
C. sylvatica oder constricta?
68 µm hoch.
vermutlich C. constricta,
65 µm

Diese drei Arten sollten nach neuen Erkenntnissen im Aerophila-Komplex zusammengefasst werden (Foissner, Korganova 2000). Sie bevorzugen trockenere Lebensräume.

Centropyxis cf. aerophila, 78 µm hoch, Mund 26 µm.
Balksee Birkenbruch.
Aus trockenem Moos. 100 µm hoch, 98 µm breit, Mund 45 µm.
Links vermutlich C. aerophila, 87 µm, Balksee-Moor.
Schalen dieses Komplexes bestehen aus zwei Teilen, der eigentlichen Schale mit der seitlich versetzten Mundöffnung und dem davorliegenden Visier.
(rechts Zeichnung nach Eugène Penard)

Centropyxis plagiostoma,
61 µm hoch, Mund 21 µm.
(Kollbecksmoor).

Centropyxis cf. constricta, 153 µm hoch, Eberharting. Häufig: große Quarze auf dem Fundus.
Gleiches Exemplar, im Inneren eine Zyste.

Unsichere Centropyxis-Art, (C. gasparella?)
Ca. 160 µm. Balksee-Randmoor Bruchwaldgraben.


Ebenfalls unsichere Centropyxis-Art,
gleicher Fundort, 110 µm Durchmesser, Mund ca 40 µm.
Seitenansicht: ca. 50 µm hoch.
Unten: undeutlich das innere Stegsystem.

Zweimal Centropyxis spec. bei der Teilung.

(links C. aculeata, 90 µm breit, rechts vermutlich ebenfalls eine kleine aculeata,
58 µm breit). Links jeweils die Mutterzelle. Die Tochterschale ist noch sehr hell und scheint schwach durch das Muttergehäuse, die Öffnungen liegen übereinander:





... und jeweils in der Seitenansicht,
oben das Muttergehäuse.
Zur Erklärung rechts eine Zeichnung nach „Inheritance in the asexual Reproduction of Centropyxis aculeata“, F.M. Root, 1917

In alten Wasserproben kommt es regelmäßig zur explosionsartigen Vermehrung von Centropyxis des aculeata-Komplexes.





Dabei entstehen häufig skurrile Variationen und es finden sich sehr kleine Exemplare, aber auch solche ohne oder mit sehr vielen Stacheln (teilweise über 10) …





… oder Missgeburten wie diese,






... selten gegabelte Stachel.